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(de) Germany, LIKOS: Kundgebung "Kein Mensch ist Freiwild" - Redebeitrag (ca, en, it, pt, tr)[maschinelle Übersetzung]
Date
Tue, 8 Sep 2026 07:20:59 +0300
Am 27.07. versammelten sich ca. 250 Menschen anlässlich des Angriffs auf
einen Obdachlosen in der Johannisstraße in Osnabrück im Juni. ---
Gemeinsam mit anderen Gruppen und Organisationen riefen wir zur
Kundgebung auf, auf der wir folgenden Redebeitrag hielten: --- Mehr als
einen Monat ist es nun her, dass eine obdachlose Person in der
Osnabrücker Innenstadt brutal zusammengeschlagen wurde. Lange hat die
Polizei gebraucht um überhaupt zu reagieren. Erst als eine Aufnahme der
Tat die Polizei mittels der Presse erreichte, war Handlungsbedarf
geschaffen. Wir müssen uns hier nichts vormachen - Gewalttaten wie diese
sind eine Alltäglichkeit, die im Regelfall weder von der Öffentlichkeit,
noch von Polizei und Justiz Beachtung findet. Lediglich die
dreist-übermütige Dummheit der jugendlichen Täter sorgt in diesem Fall
dafür, dass er Aufmerksamkeit bekommt. Und wir können versprechen: Es
wird bald wieder vergessen sein. So wie es mit Gewalt gegen obdachlosen
Menschen immer ist. Dies ist kein lamentieren gesellschaftlicher Kälte -
die Gewalt, die performative Empörung und ihre Verdrängung in das
gesellschaftliche Unterbewusstsein haben System.
Die polizeiliche Kriminalstatistik sieht nicht einmal die Notwendigkeit,
sie dezidiert festzuhalten. Lediglich das Opfermerkmal wird erfasst,
sofern das Motiv der Täter:innen hergibt, dass sie aufgrund dessen ihre
Tat begangen haben. Vor dem Staat sind Obdachlose eben einfach keine
ganzen Menschen.
Dabei gibt selbst diese mangelhafte Erfassung einen ernüchternden
Einblick in die Entwicklung. Waren es 2011 noch 602 erfasste Straftaten,
wuchs diese Zahl seitdem stetig. 2018 sind wir bei 1560; 2025 schon bei
2194. Diesen Eindruck gibt uns eine mehr als fehlerhafte polizeiliche
Erhebung. Von der horrenden Dunkelziffer und der miserablen
Aufklärungsquote ganz zu schweigen.
Aber wir vertrauen hier auch auf Polizei und Justiz - schon der erste
Fehler. Für gewöhnlich treten Polizist:innen obdachlosen Menschen auch
nicht wohlwollend gegenüber, im Gegenteil. Viel gängiger sind
Auseinandersetzungen wie die, rund um die Johannisstraße, in der seit
nun 2 Jahren obdachlose Menschen gegängelt, verdrängt und gedemütigt
werden. Mit jeder Maßnahme, jeder Festnahme, jeder Strafe werden
Menschen in ihrer Armut zementiert. Dies ist auch kein auf die Waffen-
und Alkoholverbotszone begrenztes Handeln. Alles was über die pure
visuelle Existenz hinaus geht, alle Handlungen zum Erhalt dieser werden
illegalisiert und mit Repressionen überzogen. Es gibt keine legalen
Schlafplätze, keine legale Möglichkeit seine Notdurft zu verrichten. Die
Polizei ist kein Wächter der Gerechtigkeit, sondern Wachhund der
Eigentumsordnung und damit des Klassensystems. Deren Gewalt steht der
der Jugendlichen am 20. Juni um nichts nach, denn sie ist genauso
Ausdruck der stets präsenten Drohkulisse von "arbeite, oder sonst...".
Das bürgerliche "Entsetzen" ist Heuchelei und verläuft nach dem Motto
"Jungs, das mit den Obdachlose vertreiben regeln wir schon
rechtsstaatlich, mischt Euch da nicht ein".
Denn die Gewalt, die sich hier über beide ausdrückt, erschöpft sich
nicht in "Hass auf Arme". Sie entspringt einer Wirschafts- einer
Klassenordnung, die den Lohnabhängigen eine handfeste Drohung vorsetzen
muss, damit sie ihre Arbeit am Markt verkaufen. Dieser Zwang vereint
Gewaltexzesse wie diesen mit Gesetzen wie der Waffen- und
Alkoholverbotszone in der Innenstadt. Verschärft wird die Situation
aktuell durch den beispiellosen Angriff auf den Sozialstaat. Es ist
offensichtlich dass hinter diesem kein unmittelbarer wirtschaftlicher
Nutzen steht - zahllose Beispiele der Vergangenheit haben gezeigt, dass
dieser wenn überhaupt minimal ist, wenn es nicht sogar schadet. Das ist
auch nicht der Punkt. Der Nutzen ist die Verschärfung der
unterschwelligen Drohung des Kapitals. Armut und Obdachlosigkeit sind
kein Scheitern des Systems, sondern Ausdruck der Bedingungen seiner
Realität.
Die Entmenschlichung von obdachlosen Menschen ist somit kein rein
soziales Phänomen, kein sich auf der gesellschaftlichen Oberfläche
abspielender moralischer Verfall, sondern liegt im Kern im Kapitalismus
verankert. Der wachsende Rassismus, die Faschisierung und der zunehmende
Hass auf arme Menschen ("Sozialschmarotzer") sind keine isolierten, oder
isolierbaren Entwicklungen sondern finden ihren Kern in der Krise des
Kapitals, das zwecks seiner nie endenden Vermehrung immer mehr von
unseren Leben, bis hin zu dem Tod an der Front verlangt. Und damit geht
uns das alle etwas an, wenn in der osnabrücker Innenstadt ein
obdachloser Mensch verprügelt wird. Es ist die Realisierung einer
Drohung, die uns allen gelten kann.
Und diese ist allpräsent, auch wenn sie oberflächlich gerne andere
Formen annimmt. Sie ist präsent wenn Friedrich Merz von einem Stadtbild
redet, das Überarbeitung bedarf. Sie ist präsent wenn Im Namen der
Sicherheit KI-Überwachungstechnologie in den Werkzeugkoffer der Bullerei
aufgenommen wird. Sie ist präsent wenn die latente Angst des Abstiegs
auf Geflüchetete projeziert wird. Sie ist manifest, wenn ein Obdachloser
verprügelt wird, weil er nicht nur kein "produktiver" Teil der
Gesellschaft ist, sondern ein Dorn im Auge der viel beschworenen
Leistungsgesellschaft, der ihr auf der Tasche liegt und deshalb seine
Menschlichkeit einbüßt. Und sie kann ihren finalen, unwiderkehrlichen
Ausdruck in der Vernichtung, in den Lagern des dritten Reichs finden.
Will man diese Gewalt also bekämpfen, reicht es nicht am Reformrad zu
drehen und die Risse in der sozialen Ordnung mit Panzertape zu fixen.
Man muss das Problem an der Wurzel packen.
Das ewige lamentieren, die ewige unbeholfene Symptombekämpfung
reformistischer Politik ist keine Lösung, sie schiebt maximal die finale
Konsequenz, die Lager ein bisschen auf. Sie ist der Erhalt des sozialen
Gewissens, unter deren Anerkennung man sich gelegentlich besser fühlen
darf, wenn wieder etwas sozialere Politik gegenüber marginalisierten
Menschen gefahren wird. Sie erhält also eben dieses kranke System und
seine Kosten, gemessen in Menschenleben, die damit einhergehen. Sie ist
keine Lösung - genauso wenig wie einfach ein Bewusstsein von
systemischer Gewalt und Dimensionen der Unterdrückung zu entwickeln -
was heute als wokeness verschrien wird.
Die Lösung ist ein Bruch mit dem, was diese Gewalt hervorbringt. Der
Bruch mit dem Märchen, dass man den Kapitalismus gut genug im Zaum
halten kann, damit seine furchtbarsten Auswüchse ihr zerstörerisches,
menschenverachtendes Potenzial nicht erschöpfen. Der Bruch mit der
Illusion, man könne ihn von innen heraus ändern. Der Bruch mit dem
Staat, dessen Zweck es ist die Eigentumsordnung mit Gewalt zu sichern.
Wir dürfen nicht mehr im System nach Strohalmen greifen, sondern müssen
seine Grenzen sprengen. Organisiert euch! Gegen Staat, Nation und Kapital!
https://likos.noblogs.org/2026/07/29/kundgebung-kein-mensch-ist-freiwild-redebeitrag/
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