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(de) Quebec: Die friedliche Revolution von Quebec (en)

From I-AFD_2@anarch.free.de (FdA/IFA Hamburg)
Date Sat, 28 Apr 2001 08:26:31 -0400 (EDT)


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      A - I N F O S  N E W S  S E R V I C E
            http://www.ainfos.ca/
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## by command@interlog.com
Hier ist ein exzellenter Bericht ueber die FTAA-Proteste in Quebec von  
Dave Marshall von geneACTION. Er hatte keinen Titel, also hab ich ihm eine  
Ueberschrift gegeben.
Ich sollte noch erwaehnen, dass es heute abend in Toronto ein mob4glob- 
Treffen gab und es war gestopft voll. Indigene FreundInnen aus anderen  
Nationen und ein paar Leute aus Toronto sprachen ueber den Volksgipfel und  
die Demos und den Protest. Was kommt jetzt? war Teil der Diskussion.  
Einige Leute wollen, dass jedeR auf lokaler Ebene weiter gegen die  
Globalisierung und Aehnliches arbeitet. Andere sprachen von starken  
Aktionen - vielleicht alle Zaeune umreissen.
Ich persoenlich weiss nicht, wie es weitergehen sollte. Ich wuerde gerne  
alle Berichte aus Quebec hoeren und darueber nachdenken. Ich weiss auch  
nicht, ob alle am Zaun kaempfen sollten - das ist mehr fuer Leute ohne  
Familie wie mich, die nichts zu verlieren haben. Vielleicht sollten andere  
das tun, was sie am besten koennen, ohne dabei verletzt, verkrueppelt oder  
getoetet zu werden.
Gary.

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Die friedliche Revolution von Quebec
von Dave Marshall - geneACTION
e- mail Kelly Ann Kennedy <@total.net>
posted at http://www.interlog.com/~command/quebec.htm

Wir sind abends aus Toronto ausfebrochen, ein Bus voll AnarchistInnen von  
'Rise Up!' and kamen im Morgengrauen an der Laval-Universitaet gerade  
ausserhalb von Quebec an. Ich hab vielleicht ein, zwei Stunden geschlafen,  
ich weiss nicht so genau.

Ein klarer Himmel und Temperaturen nahe Null, sanfte Berge um die Stadt  
herum, die aus der Dunkelheit auftauchen. Ein paar andere Busse kommen  
auch an. Wir warten ein bisschen vor dem Sportinstitut der Uni, dann  
warten wir drinnen weiter, die OrganisatorInnen begruessen uns freundlich  
und erzaehlen uns, was vorbereitet ist und wo wir was finden. In der  
riesigen Turnhalle werden weitere Busladungen eintreffender Personen  
untergebracht. Als sie alle ihr Plaetzchen gefunden haben, gehen wir still  
wieder raus, um die vielleicht 2.000 noch friedlich Schlafenden nicht zu  
wecken. Es ist bequem hier, der Fussbodenbelag ist aus Gummi. Hunderte von  
Leuten kommen an und kramen und wuseln rum; es ist aber erstaunlich leise  
dabei. Ich glaub nicht, dass ich noch schlafen werde.

Im Kuechenzelt verteilen freiwillige HelferInnen Stullen mit Erdnussbutter  
und Marmelade, Muffins und O-Saft zum Fruehstueck.

Zurueck in der grossen Gummibodenhalle kloene ich ein bisschen mit dem  
neben mir untergebrachten Alain. Er lebt in Montreal und glaubt an  
spirituelle Dinge. Unter seinen hauptsaechlichen Interessen, Passionen und  
Lehren sind Hindugesaenge, meditatives Tanzen, vegetarische Ernaehrung und  
Gaia. Er isst Obst, dankbar und meditativ und bietet mir ein Stueck von  
seiner Birne an.

Gaia ist unser lebender Planet, der in grosser Gefahr ist, von einer  
Gruppe gewalttaetiger oekoligischer Terroristen getoetet zu werden, die  
sich bald in einer befestigten und bewachten Sicherheitszone treffen  
werden. Das Bewusstsein darueber bringt Tausende in diese Stadt heute, um  
friedlich vor den Mauern des Forts zu protestieren.

Wir gehen kurz nach 13 Uhr bei der Laval los. Der Freitag nachmittag ist  
sonnig, ohne Wolken und tagsueber wurde es warm.
Die Zahl der Leute, der Transparente, Plakate, Buttons, Aufnaeher,  
Trommelschlaege, der Tambourine, Floeten, Parolen, Lieder und Rufe nahmen  
zu, als wir naeher zu Stadt kamen, genauso wie der Enthusiasmus der  
friedlichen Leute die solidarisch demonstrierten, unterstuetzt von den  
EinwohnerInnen, die uns Peace-Zeichen zeigten und anerkennend den Daumen  
hoben, in unsere Parolen und Lieder ueber Solidaritaet einstimmten.

Ich wurde in die Affinitaetsgruppe von Henry, Peter und Bernard  
aufgenommen und half ihnen, ein 6 m langes Transparent mit der Aufschrift  
"Vorsicht, genveraendert" die Chemin Sainte Foy langzutragen. Die  
niedrigen Berge um die Stadt herum waren an diesem kristallklaren Tag gut  
zu sehen.

Auf dem Boulevard Charest flattert unser Transparent ganz schoen im Wind.  
Es gibt grosse Puppen, 5 m hoch, und verkleidete Leute auf Stelzen. Es  
gibt Strassentheater und komische Radical Cheerleaders, viel Laerm und  
Gelaechter, als die Demo die Rue de la Couronne in Richtung Cote d'Abraham  
runtergeht und dann hoch zur Avenue Dufferin und dem bekannten Zaun um die  
Sicherheitszone.

Wir stehen ein gutes Stueck vom Zaun entfernt und vor dem Zaun ist eine  
grosse Menge. Dies ist in der gruenen Zone, wo es keine Konflikte geben  
soll. Die aktiveren friedlichen DemonstrantInnen sind vorher auf einer  
anderen Route weitergegangen. Sie gehen den Huegel am Boulevard Rene  
Levesque hoch. Wir stehen mit unserem Transparent da und freuen uns am  
Trommeln, an den Parolen, dem Jubel, dem Tanzen und Gelaechter.

Als Henry mir meine Seite vom Transparent abnimmt, gehe ich naeher an den  
Zaun zum gucken. Der Zaun ist aus Maschendraht, ca. 3 m hoch und an einer  
1 m hohen Betonbarriere befestigt. Als eine Gruppe friedlicher Leute  
anfaengt, am Zaun zu ziehen, sieht das erst nach nichts aus. Als ein Teil  
des Zauns anfaengt, hin und her zu wackeln, rueckt die Riot-Polizei von  
ihren urspruenglichen Positionen 10 m hinter dem Zaun vor und sind nur  
noch 3 m entfernt.

Die ersten paar Traenengaskanister lassen die friedlichen BuergerInnen  
zuruecktaumeln. Eine Gruppe von uns geht in westliche Richtung, die Rue  
d'Aiguillion hoch, um dem ersten Traenengas zu entkommen. Der Zaun um die  
Sicherheitszone teilt die Strasse, die verlaeuft den Huegel hoch zwischen  
alten Haeusern an unserer Seite des Zaunes; auf der anderen Seite ist eine  
Ziegelmauer.
Nach ein paar Metern sehen wir, wie ein Buerger mit Kapuze in aller Ruhe  
und ganz friedlich mit einer grossen Drahtschere den Zaun aufschneidet. In  
eineinhalb Minuten ist der Zaun von oben bis unten offen und wird zurueck- 
gefaltet, bis an dieser unbewachten Stelle eine 3 m breite Oeffnung im  
Zaun ist.

Ein paar Leute laufen durch und rennen den Huegel neben dem Zaun hoch. Ein  
paar weitere Minuten vergehen, bis das massive Polizeiaufgebot feststellt,  
dass sie da wohl eine riesige Sicherheitsluecke haben. Acht Riot- 
Polizisten rennen herbei, um die Oeffnung zu bewachen.

Jetzt werden mehr Traenengasgranaten in die Menge geschossen. Die meisten  
werden von friedlichen BuergerInnen mit Handschuhen aufgehoben und dahin  
zurueckgegeben, wo sie hergekommen sind. Friedliche BuergerInnen haene am  
Zaun werden aus naechster Naehe von Traenengaspulver getroffen, dass mit  
Gewehren verschossen wird. Es ist schrecklich mitzuerleben.

Ganz artig vor einem Zaun zu stehen ist jetzt also ein Verbrechen und wird  
mit brutalen Angriffen mit schaedlichen, krankmachenden Chemikalien aus  
Hochgeschwindigkeitswaffen geahndet.

Mehr Traenengas wird auf die friedliche Veranstaltung gefeuert. Die Sanis  
haben jede Menge damit zu tun, die vom Traenengas Betroffenen zu  
versorgen. Allen brennen Augen und Kehlen. Das Traenengas kommt weiter,  
ohne dass die Sicherheitszone irgendwie angegriffen wird. Oben drueber  
knattern Hubschrauber.

Ein paar Steine und Flaschen fliegen ueber den Zaun. Da ist mehr Platz  
fuer Muell als auf unserer Seite. Unsere Seite ist langsam voll von  
Traenengas und Kanistern.

Das geht einige Stunden so weiter. Irgendwann zwischendurch wird eine  
amerikanische Flagge verbrannt. Die Leute jubeln.

Friedliche BuegerInnen, die ganz vorn am Zaun stehen, halten tapfer durch.  
Einige stehen dort und halten Peace-Zeichen hoch, andere binden  
Friedenszeichen an den Zaun. Eine Gruppe tapfere junge Frauen tanzen ganz  
nah am Zaun. Sie tanzen wunderbar friedlich mit kreativen Bewegung zum  
rhythmischen Trommeln. Kreative Botschaften werden mit Stiften und Kreiden  
auf die Strasse geschrieben, wo sich die friedlichen BuergerInnen  
versammeln. Weiter von der Sicherheitszone entfernt bildet sich ein  
grosser Kreis von Leuten, die sich an den Haenden fassen und laut  
Solidaritaetslieder singen.

Von weiter unten von der Cote Sampson kommen ein paar Hundert Riot- 
Polizisten in Marschformation, sie keuchen und pusten den steilen Huegel  
neben Peter, Bernard und mir hoch. Sie biegen in die Rue des Glacis ein,  
wo sie zum Stillstand kommen und wo sie offenbar 30 harmlose BuergerInnen  
vor dem zaun vor sich haben. Bernard spricht in ungeduldigem Franzoesisch  
mit einem Riot-Polizisten, der an einem Stueck Zaun in der gruenen Zone  
Wache steht. Hier ist der kuenstlerische Teil der gruenen Zone,  
vegeratisches Essen fuer alle, die unglaublich farbigen und kreativen  
Waende einer Autobahnueberfuehrung und tolle laute Musik. Bernard ist in  
unserer Affinitaetsgruppe der Goodwill-Botschafter und Uebersetzer. Er  
redet und lehrt gerne und bringt die guten Seiten in allen auf den  
Strassen von Quebec zum Vorschein. Er spricht ein lebendiges Englisch,  
wenn auch mit begrenztem Wortschatz. Ich kann mir also vorstellen, wie  
beredt er erst im Franzoesischen ist. Er spricht leidenschaftlich ueber  
die Gefahren genetisch veraenderter Lebensmittel und er scheint auf alle,  
zu denen er spricht, zu wirken. Vielleicht 20 Minuten spaeter ziehen wir  
ihn hoeflich von der Unterhaltung mit dem Riot-Bullen zurueck. Wir ziehen  
uns zurueck, da wir fuerchten, dass es bald mit den Festnahmen losgeht.

Wir gehen am alten Wall lang, weg von der Menge, vom Traenengas und vom  
Laerm. Die Kanonen hoch ueber dem Fluss werden nicht mehr benutzt. Bernard  
kloent mit einigen netten alten Damen, die hier wohnen. Sie sind wegen der  
exzessiven Sicherheitskraefte besorgt, die sie in ihrer schoenen Stadt  
sehen. In der Naehe der Altstadt redet er mit einem Beamten hinter dem  
Sicherheitszaun. Die Lage am Freitag abend ist ruhig, die Altstadt macht  
einen eher verlassenen Eindruck. Wir gehen in Richtung des Alten Hafens,  
finden eine kleine Kneipe und trinken ein Bier und essen ein paar  
Walnuesse.

Auf dem Weg vom Alten Hafen nach Westen kommen wir an grossen Laeden  
vorbei, die die Fenster in Erwartung des grossen friedlichen Marsches am  
naechsten Tag schon mal verbarrikadieren. Wir lachen und scherzen mit den  
Typen, die das Sperrholz anbringen. Wir fahren mit dem Taxi zur Laval-Uni  
zurueck, wo Peters Auto steht. Unser Taxifahrer kann ein paar Infos ueber  
genetisch veraenderte Lebensmittel gebrauchen. Er ist genauso lebhaft wie  
Bernard, wenn es um die gewaltsame Machtuebernahme von Wissenschaft und  
Konzernen und die genetische Verunreinigung unserer Nahrung geht.

Vor dem Sportinstitut treffe ich Guy, einen unabhaengigen Fotografen, der  
6 Rollen Filme auf dem Boulevard Rene Levesque verschossen hat. Auf der  
Cote d'Abraham war es aktiber als bei uns. Es wurde mehr vom Zaun nieder- 
gerissen. Es gab mehr Festnahmen und mehr willkuerliche und gewalttaetige  
Angriffe auf die friedlichen BuergerInnen, die ihr Recht auf freie  
Meinungsaeusserung wahrnahmen. Trotzdem, versichert mir Guy, gehen die  
friedlichen Proteste die ganze Nacht weiter.



Der Samstag wird waermer als der Freitag

Als eine grosse friedliche religioese Gruppe, eine BuergerInnengruppe und  
eine Gewerkschaftsdemo durch die untere Stadt zogen, trennt sich ein Teil  
der DemonstrantInnen ab, um sich uns anzuschliessen und ihren Bruedern und  
Schwestern oben auf dem Huegel an mehreren Stellen zu helfen. Sie wollen  
ihnen mit tapferem friedlichen Protest gegen die exzessive Gewalt, die  
hinter dem hohen Zaun geplant wird, der von schwerbewaffneten staatlich  
bezahlten Terroristen mit gutgepolsterter Ruestung und schweren Schilden  
bewacht wird.

Wenn die Gewerkschaften ueberhaupt da waren, dann waren sie eher  
unauffaellig.

Das Tanzen geht an verschiedenen Stellen den ganzen Tag ueber weiter. Das  
Traenengas kam haeufiger und konzentrierter. Oben auf der Cote d'Abraham  
forderten die Leute die Sicherheitszone abwechseln friedlich heraus.

Dutzende von BuergerInnen wurden vom Traenengas ueberwaeltigt. Einige  
bluteten, weil sie direkt von Kanistern getroffen wurden. Andere wurden  
von Plastikgeschossen getroffen. Der Zugang zu einer Seitenstrasse auf der  
oestlichen Steite der Cote d'Abraham ist nun von 20 Riot-Polizisten  
gesperrt.

Ein stanediger Regen von Traenengaskanister wurde hoch in die Luft  
geschossen und auch in die Menge weitab von der Sicherheitszone. Weitere  
Kanister wurden direkt auf Menschengruppen gezielt, die meisten davon  
wurden zurueckgeworfen. Die Menge jubelte, als noch eine amerikanische  
Flagge angezuendet wird.

Mehr und mehr farbige Botschaften erschienen auf den Mauern und auf der  
Strasse. Feuer brannten, Trommeln klangen und die Leute tanzten. Laute  
harte Musik erfuellte die Strasse aus einem offenen Fenster im zweiten  
Stock eines Wohnhauses etwas unterhalb der Stelle, wo die gewalttaetige  
Staatspolizei ihre erbarmungslosen Angriffe auf die BuergerInnenrechte auf  
friedliche Meinungsaeusserung und friedliche Versammlung fortsetzten.

Die Szenerie sah wie Krieg aus und so fuehlten wir uns auch, aber nur eine  
Seite hatte richtige Waffen. Die andere Seite hatte nur Mut, aber davon  
wurde jede Menge sichtbar, als sie tapfer vor dem Zaun stand. Einige  
kletterten sogar auf den Zaun, bevor sie direkt mit Traenengas oder  
Plastikgeschossen beschossen wurden. Ich sah im Laufe des Tages mehrere  
Verletzungen durch Plastikgeschosse, schlimme, tiefe, weit klaffende  
Fleischwunden - ein Indiz fuer das Gewicht und die Groesse der Geschosse -  
cirka 2 cm im Durchmesser und cirka 7-8 cm lang - und fuer die  
Geschwindigkeit und die Wucht des Aufpralls. Ich sah, wie gefaehrlich  
Plastikgeschosse sein koennen, dass sie schwere Verletzungen oder sogar  
den Tod verursachen koennen, wenn mensch an der verkehrten Stelle  
getroffen wird. Trotzdem hoerte die tapfere, entschlossene, friedliche  
Jugend nicht auf. Sie waren nicht da, um sich zu amuesieren, sondern aus  
gutem Grund. Sie waren da, um ein verrottetes, korruptes,  
unterdrueckerisches System, dass ihre Rechte auf Teilnahme, ihre Zukunft  
und die Zukunft Milliarden anderer noch schlimmer als sie verkauft und  
verraten hat. Sie waren da, um Abkommen in Frage zu stellen, die  
grundsaetzlich so angelegt sind, dass sie die Natur als konsumierbare  
Ressource ausbeuten, und das Leben zur Ware machen, dessen Wert nur so  
hoch ist, wie der Hoechstbietende mithaelt.

Das kam auch den ganzen Tag rueber. Das stand auf tausenden von shirts,  
Jacken, Buttons, Transparenten, Plakaten, Mauern, Fusswegen. Es stand da  
auf englisch, franzoesisch und spanisch. Es wurde gesunden und gerufen und  
es wurde dazu getanzt. Taenze fuer die Erde. Taenze fuer die Freiheit.  
Taenze fuer die Liebe, zum unaufhoerlichen Trommeln. Es wurde gerufen und  
gesungen in Liedern der Solidaritaet - dass unsere Welt nicht zum Verkauf  
steht. Die Sprache bildete keine Barriere in den Strassen von Quebec.  
Solche staatlich hergestellten Spaltungen und Konfrontationen waren hier  
nicht relevant. "Soldaritaet" ist in jeder Sprache aehnlich. Sie ist  
etwas, das Nationalstaaten nicht akzeptieren koennen, weil Solidaritaet  
ueber deren Grenzen hinausgeht. Nationalstaaten sind abhaengig von  
Konkurrenz, Konflikten und Eigeninteressen. Solidaritaet ist eine  
Bedrohung fuer den Nationalstaat.

Was wir brachten, war eine ueber Quebec oder jede Nation hinausgehende  
Botschaft. Was wir brachten, geht ueber eine neue Weltordnung hinaus, die  
schmutzige Geschaefte abschliesst, um Ausbeutung, Zerstoerung und Muell  
hinter Maschendrahtzaunbarrikaden und schwerbewaffneten Sicherheits- 
kraeften besser durchsetzen zu koennen. Trotz jugendlichem Eifer gibt es  
wenig Taeuschung. Die Botschaft hat einen Sinn und kommt mit Ueberzeugung.
KeineR kam, um Party zu machen. Sie kamen, um die Macht, die Gewalt  
herauszufordern, und die schaendliche gesellschaftliche Apathie, die dies  
alles zulaesst.

Ihre Absicht war es nicht, andere zu verletzen, und niemand wurde von  
ihnen verletzt. Viele von ihnen waren aber bereit, selbst verletzt zu  
werden, und viele erlitten auch Verletzungen durch den gewalttaetigen  
Staat.

Wir entfalteten unser grosses Transparent in der Kriegszone, damit die  
Staatsoberhaeupter und die Kameras es sehen konnten. Sofort kamen vier  
Traenengaskanister auf uns zu. Ich kriegte ziemlich viel ab und musste  
mich zurueckziehen. Zum Glueck fuer alle war immer einE freiwilligeR  
SanitaeterIn in der Naehe, sogar ganz vorne. Sie waren tapfer und immer  
bereit, den Verletzten und vom Traenengas schwer Betroffenen mit Wasser  
und Augenspuelungen zu helfen.

Ueberall in den schmalen Strassen waren AnwohnerInnen in den Haustueren  
und offenen Fenstern und boten Hilfe an. Einige hatten Wasserschlaeuche,  
aus denen die Leute ihre Wasserflaschen auffuellen, trinken, oder das  
Traenengas aus ihren Augen spuelen. Sie sympathisierten offensichtlich mit  
uns. Sie mochten den Zaun auch nicht, und auch nicht das unentrinnbare  
Traenengas, das die Stadt erfuellte. Eine Dame auf dem Nachhauseweg von  
der Arbeit hatte Atemprobleme und ihre Augen brauchten eine Spuelung. Aus  
dem Fenster einer Wohnung im zweiten Stock informierte uns ein Anwohner,  
dass das Gipfeltreffen in ein anderes Gebaeude verlegt werden musste, weil  
das Traenengas in die Klimaanlage eingedrungen war. Ich hoffe, die haben  
da gut was abgekriegt.

Oben auf der Rene Levesque gab es eine weitere Schlacht. Zwei Bloecke  
westlich der Sicherheitszone wurde ein fesselner Rhythmus getrommelt. Eine  
grosse Gruppe von TaenzerInnen tanzte neben einer Reihe Riot-Polizei, die  
die Strasse bewachte, die suedlich von der Rue Rene Levesque wegfuehrt.  
Auf der anderen Seite der TaenzerInnen war die Canadian Imperial Bank of  
Commerce, eine Handelsbank. Einige Fenster waren eingeworfen und weisse  
Farbe am Haupteingang. Ein Plakat hing ueber einem kaputten Fenster, auf  
dem stand: "Ich schulde euch ein zerbrochenes Fenster." Unterschrift: "Die  
Revolution".

Traenengas wehte weiter durch die Strasse aus Richtung des Gipfels. Auf  
der Cote d'Abraham, parallel zur Rene Levesque, standen weitere Riot- 
Polizisten Wache.

Bernard und ich entfalteten unser "Vorsicht, genetisch veraendert" genau  
vor der Reihe von Polizisten. Uns wurde sofort gesagt, dass wir weiter die  
Strasse runtergehen sollten, weil wir ihnen die Sicht versperrten. Unser  
Transparent zusammen mit der Riot-Polizei war ein beliebtes Motiv fuer  
FotografInnen.
Auch Bernard wurde anschliessend fotografiert, als er lebhaft mit ein paar  
Riot-Polizisten sprach. Das Stueck Seil, das er in der Hand hielt,  
beunruhigte sie zuerst, und als er die Hand ausstreckte, um sie mit  
Handschlag zu begruessen, sah es zunaechst so aus, als wollten sie ihn zu  
Boden werfen. Er wollte aber nur reden. Er wollte sie informieren und  
ihnen nahebringen, dass das, was wir alle teilen, wichtiger und mehr ist,  
als das, was uns trennt und was Konflikte ausloest. Es ist der Staat, der  
Konflikte ausloest und der abhaengig ist von Konflikten, um sich selbst  
stark zu halten.

Das Traenengas kam nun dicht. Wasserwerfer waren zu sehen, die eine Gruppe  
weiter noerdlich eindeckten.

Die Riot-Polizisten waren jetzt draussen auf der Strasse, wahrscheinlich  
um ein weiteres Loch im Zaun zu sperren. Ein schneller Hagel von  
Traenengas loeste eine Gruppe friedlicher DemonstrantInnen in unserer  
Naehe auf, dann kamen cirka 30 Riot-Polizisten von der suedlichen Flanke  
angerannt, die ungefaehr 15 friedliche DemonstrantInnen umrissen. Ich  
erkannte zwei der Festgenommenen, weil ich nachmittags mit ihnen zusammen  
gewesen war. Sie waren nette Leute, freundlich, nachdenklich, betroffen,  
und vor allem waren sie friedlich. Eine neue Polizeikette formierte sich  
naeher zu uns auf dem Boulevard Rene Levesque. Es folgte eine kurze  
Auseinandersetzung mit einigen friedlichen DemonstrantInnen. Ein Riot- 
Bulle kam vor, zielte, schoss aber nicht. Andere friedliche  
DemonstrantInnen wurde immer noch hinter der neuen Frontlinie am Boden  
festgehalten und weitere Verstaerkung wurde herbeigefuehrt, um die Flanke  
zu sichern.

Wir entrollten unser Transparent nochmals, und schnell kamen weitere  
Traenengaskanister in unsere Richtung. Sie fielen auch hinter uns. Die  
Hoehe und die Fluggeschwindigkeit waren beeindruckend.

Ich dachte an die tausenden von Leuten in ihren Haeusern und Wohnungen -  
ebenfalls Opfer dieses erbarmungslosen Angriffs mit Traenengas.

Als es dunkel wurde, zogen wir uns zurueck. Die oertliche Jugend war  
eindeutig in voller Staerke draussen und anscheinend floss jede Menge Bier  
und Alkohol. Ein Hubschrauber droehnte ueber hellen Scheinwerfern, die die  
friedliche Menge unten beleuchteten.

Zurueck auf der Avenue De Salaberry und eine weitere Strasse runter kamen  
wir schliesslich an eine weitere Mauer von Riot-Polizei. Sie sperrten die  
Strasse am Fuss des Huegels auf unserer Seite einer Kreuzung. Ein grosser  
Teil des Zaunes neben dem alten Friedhof war eingerissen.
Trommeln schlugen, Floeten pfiffen und die Leute tanzten vor der Polizei.  
Bernard redete mit einem Anwohner vor einem geschlossenen Laden. Dieser  
Anwohner liess sich jedoch nicht von seinem Vertrauen in den Staat  
abbringen und davon, dass der zukuenftige Staat Quebec alle Probleme des  
nicht funktionierenden foederativen Staates loesen werde.... Genauso war  
eine Frau vor einer Bank mit einem kaputten Fenster nicht von ihrer  
Ueberzeugung abzubringen, dass Sachschaden was ganz Schlimmes sei. Selbst  
wenn Sachschaeden einen der Hauptakteure und ein Symbol des blutgierigen  
Kapitalismus betraf, war ihr das Privateigentum wichtig. Trotz Bernards  
Ueberzeugungsarbeit blieb sie fest bei ihrer Meinung. Sie blieb dabei,  
dass es okay ist, wenn grosse, gewalttaetige Banken wie die CIBC stehlen  
und ausbeuten, es aber ganz schlimm ist, wenn friedlich und symbolisch ein  
paar Fenster der gewaltausuebenden Bank eingeschlagen werden.

Bernard kam kurze Zeit spaeter bei zwei aelteren Damen besser an, die  
neben einem kleinen Park sassen - sogar hier, fast einen Kilometer weg,  
war kein Entkommen vor dem Traenengas.

Hinten auf der Cote d'Abraham gingen die Kaempfe weiter. Auf der  
Aussichtsplattform ueber dem Park mischte sich Rauch aus einem Holzfeuer  
mit weiteren Schwaden von Traenengas, das von der Sicherheitszone oben  
heruntergetrieben wurde. Die Riot-Polizei wurde zunehmend aggressiver in  
ihren andauernden Angriffen auf die Leute.

Wir gingen runter in das Gebiet unterhalb der Autobahnueberfuehrungen in  
die gruene Zone. Ein stetes, rhythmisches Schlagen von hunderten von  
Stoecken und Steinen gegen die metallenen Leitplanken und Verkehrsschilder  
war beeindruckend und inspirierend. Die Abhaenge und die Betonmauern und  
die spiralfoermigen Betondecken verstaerkten das Trommeln auf den  
Leitplanken akustisch. Ich bekam einen Stein in die Hand gedrueckt und die  
Leute machten mir an der Leitplanke Platz, um das trommelnde Orchester zu  
verstaerken. Ein Typ spielte auf einer akustischen Gitarre neben uns was  
das Zeug hielt und kuemmerte sich nicht darum, dass keineR ihn hoerte. Er  
unterhielt sich selbst genauso gut wie die anderen.

Ich sah in meiner Naehe einen Ziegelstein und nahm den, um staerker auf  
die Leitplanke zu schlagen. Hier unten passierte die Revolution. Hier  
unten kam die Kraft von innen. Hier unten war kontrollierte Anarchie -  
fliessend, dynamisch und vollstaendig.

Ein nahes Feuer unter einer Ueberfuehrung wurde groesser. Verkehrsschilder  
wurden umgerissen. Weiter unterhalb der spiralfoermigen Menge von  
Autobahnueberfuehrungen kamen wir an das Kuechenzelt. Wir stellten uns an  
und bekamen einen Teller mit Reis und Gemuese. Sie hatten Tausende von  
Leuten die ganze Woche ueber versorgt, kostenlos, und machten bis weit in  
die Nacht damit weiter.

An einem improvisierten Waschstand von aufgehaengten Wassereimern spuelten  
wir Teller und Besteck und gaben sie zurueck an die Essenausgabe. Ich  
konnte keine Person sehen, die Plastikgeschirr oder -besteck benutzte.  
Hier wurde das Recycling als Teil der Revolution praktiziert.
Ausserdem wurden Abfaelle verbrannt. Aus 25 m Entfernung konnten wir die  
Waerme des groesser werdenden Feuers spueren. Die Trommler an den  
Leitplanken trommelten weiter einen unbeirrbaren und revolutionaeren  
Rhythmus.

Naeher am Abhang, wo die Riot-Polizei Wache hielt, wurde ein  
merkwuerdiges, leuchtendes, intensives Feuer entfacht, von dem eine enorme  
Rauchwolke ueber der Ueberfuehrung aufstieg. Schnell stiegen Hubschrauber  
auf, um festzustellen, was los war.

Bernard, Peter und ich gingen zum Alten Hafen, um in derselben Kneipe wie  
am Abend vorher noch ein Bier zu trinken. Sie boten mir an, mich im Auto  
zur Laval-Uni mitzunehmen, aber ich wollte dableiben. In westlicher  
Richtung in Charest sammelte sich eine grosse Menge bei der Rue de la  
Couronne. In dem kleinen Park an der Ostseite fiel ein grosses hoelzernes  
Immobilienreklameschild. Die grossen Holzpfaehle und das Schild selbst  
naehrten das Feuer in der Strasse sehr gut. Oben auf dem Huegel gingen die  
Konflikte weiter, aber es sah nicht mehr so schlimm aus wie vorher.

Es war Mitternacht und die Party war voll in Gang. Es waren meist  
AnwohnerInnen, die sangen, tranken, rauchten, Flaschen auf den Boden  
warfen. Sperrholz wurde von den verrammelten Ladenfenstern abgerissen, um  
die Feuer an der Kreuzung in Gang zu halten. Die Bilder waren so intensiv  
wie die Flammen des Feuers, so zahlreich und unterschiedlich wie die  
Tausende von Plakaten und so eindringlich wie das Traenengas.

Grosse Transparente wurden oben am Abhang aufgehaengt in Richtung der Cote  
d'Abraham. Eines davon rief den "Volksgipfel" aus. Ich zaehlte vier  
Hubschrauber am Himmel.

Es war ein Uhr morgens durch, als eine lange Kolonne Riot-Polizei die Rue  
de la Couronne runter vorrueckte auf eine friedliche Feier unten in den  
Strassen. Ohne Warnung und ohne Provokation haemmerten Traenengaskanister  
auf die unschuldige Menge unten herab. Es war konzentriertes Traenengas  
mit verheerender Wirkung. Ich musste mich mehrere Haeuserbloecke  
zurueckziehen, bis ich wieder Luft bekam. Hier unten war kein Wind und das  
Traenengas wurde nicht weggeweht. Es folgte uns auf dem Rueckzug durch die  
Strasse.

Ich sah, wie die Scheiben bei einem Subway Sandwich eingeworfen wurden.  
Gut fuer die, dachte ich. Obwohl ich solche Sachen noch kurz vorher  
kritisch gesehen hatte, wusste ich jetzt, dass es gute Gruende gab. Nach  
der extremen Polizeigewalt, die ich in den letzten Tagen erlebt hatte,  
sind ein paar kaputte Scheiben keinen weiteren Gedanken wert.

Als ich auf der Route der Demo von vor eineinhalb Tagen nach Hause ging,  
waren die Strassen ruhig und die Luft weniger giftig. Ich versuchte mich  
zu erinnern, ob ich bisher gewalttaetige DemonstrantInnen gesehen hatte.  
Ich konnte mich an keinen erinnern. An was ich mich erinnerte, waren die  
vielen Ereignisse, die Mut, Grosszuegigkeit und Solidaritaet angesichts  
der unnoetigen Polizeigewalt wiederspiegelten. Ich war fast zu Hause und  
mir gingen immer noch die Solidaritaetsparolen durch den Kopf. Es regnete  
ein bisschen, aber die Revolution laesst sich nicht loeschen.

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Uebersetzung: FdA Hamburg


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