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(de) Cincinnati: Hintergrundbericht

From I-AFD_2@anarch.free.de (FdA/IFA Hamburg)
Date Sun, 22 Apr 2001 08:26:52 -0400 (EDT)


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## by twbounds@pop.mail.rcn.net

http://www.alternet.org/story.html?StoryID=10749
15 Tote in Ohio: Cincinnatis 'Blaue'
Tim Wise, AlterNet
17. April 2001

Manche versuchen gar nicht erst, ihren Rassismus zu kaschieren. Wie z.B.  
Keith Fangman, den Vorsitzenden des Fraternal Order of Police/FOP  
[Bruederschaftlicher Orden der Polizei] von Cincinnati. Kurz vor den  
Aufstaenden in dieser Woche nach der Ermordung von Tim Thomas und nachdem  
seit 1995 14 andere Schwarze von seinen Kollegen ermordet wurden, sagte  
Fangman:

"Wenn wir diesen Terroristen auch nur einen Zentimeter nachgeben in Form  
von Verhandlungen, dann sind wir selbst schuld, wenn wir ein weiteres  
Detroit oder Washington D.C. werden."

Er haette ja auch sagen koennen, dass Verhandlungen mit den "Rioters"  
Cincinnati zu einem weiteren Boulder/Colorade, oder Carbondale/Illinois,  
oder East Lansing/Michigan, oder Eugene/Oregon, oder State College,  
Pennsylvania, oder Storrs/Connecticut, oder Pullman/Washington, oder  
Tucson/Arizona machen wuerde - alles Schauplaetze von groesseren  
Ausschreitungen von besoffenen weissen Collegestudenten in den letzten  
Jahren. Aber so hat er das nicht gesagt. Er nahm Detroit und Washington --  
zwei Staedte, die in den letzten Jahren keine Riots gesehen haben, aber in  
beiden Staedten gibt es viele Schwarze. Und das war schliesslich das, was  
er meinte.

Ganz offen, wenn ein Vertreter der offiziellen "Gewerkschaft fuer  
Polizeikorruption und Polizeibrutalitaet" (auch allgemein bekannt als FOP)  
diejenigen, die gegen Polizeibrutalitaet rebellieren, als Terroristen  
bezeichnet, dann hat das was. Ich meine, dass der alte Kinderspruch von  
wegen "wer es sagt, isses selbst" hier zutrifft. Merkwuerdigerweise sind  
die einzigen offensichtlichen "Terroristen" in Fangmans Stadt der Ku Klux  
Klan, fuer den er und seine Kumpels Polizeischutz auffahren, wenn der Klan  
jedes Jahr Weihnachten ein brennendes Kreuz am Fountain Square aufbaut.  
Die Rechte eines 135 Jahre alten paramilitaerischen Hassvereins zaehlen in  
Cincinnati offenbar mehr als das Leben junger Schwarzer.

Wie wir hoeren konnten, haben die Schwarzen in Cincinnati immer noch keine  
Rechte, die ein Mitglied des FOP respektieren muesste. Um den Tod der 15  
Schwarzen zu rechtfertigen, sagte der Polizei-Sergeant Harry Roberts aus  
Cincinnati, die Getoeteten seien alle "Kriminelle, die bei der Festnahme  
Widerstand geleistet" haetten. Da fragt man sich doch, was ist denn heute  
so in Ohio die zulaessige Strafe fuer "Widerstand bei der Festnahme"? Ich  
weiss ja, dass die Todesstrafe bei vielen Leuten noch im Schwange ist,  
aber Todesstrafe fuers Wegrennen vor einem Bullen?

Und was diese "Kriminellen" betrifft, die von der Polizei in Cincinnati  
umgelegt wurden, darunter ist nicht nur Tim Thomas, gesucht wegen  
Verkehrsverstoessen wie Fahren ohne Sicherheitsgurt (so ein Brutalo!!),  
sondern auch Roger Owensby Jr., der keine Vorstrafen hatte und nie  
festgenommen worden war, aber dessen "Haltung" die Polizisten dazu  
brachte, ihn wegen "disorderly conduct" festzunehmen [etwa:  
ungebuehrliches Betragen in der Oeffentlichkeit] und ihn dabei zu  
ersticken. Und dann war da noch Lorenzo Collings, geistig und psychisch  
behindert, dessen Erschiessung als notwendig bezeichnet wurde, weil er  
einen einzigen Ziegelstein in der Hand hielt und drohte, ihn auf die  
Polizei zu werfen - 15 Polizisten standen um ihn herum und legten ihn mit  
einem Kugelhagel um. Hoert sich ganz nach einem fairen Kampf an. Oder  
Michael Carpenter, der in den Hinterkopf geschossen wurde, bei einem  
Verkehrsstau. Oder Courtney Mathis, eine "Bedrohung der Gesellschaft" im  
Alter von ganzen 12 Jahren, der sich das Auto eines Verwandten auslieh und  
der erschossen wurde, weil er fliehen wollte, nachdem er von Polizisten  
gestoppt worden war.

Offenbar kann die Polizei von Cincinnati auch nicht so recht entscheiden,  
was ein Kind und was ein abgebruehter Krimineller sein soll. Nach der  
Beerdigung von Thomas am Sonnabend eroeffneten die Bullen das Feuer mit  
Gummigeschossen und trafen ein siebenjaehriges schwarzes Maedchen bei  
einer Demonstration.

Na ganz klar, die FOP sagt ja selbst von sich, sie "bauen auf einer  
stolzen Tradition auf". Eine Tradition, die bis 1915 zurueckreicht, in  
eine Zeit, zu der viele stolze Mitglieder dieser stolzen Organisation sich  
stolz und ganz offen an Lynchmobs und Ueberfaellen auf Schwarze  
beteiligten und Afro-AmerikanerInnen ermordeten. In den ersten 40 Jahren  
des 20. Jahrhunderts wurde die Haelfte aller ermordeten Schwarzen von  
Ordnugnshuetern umgebracht, darunter - wie wir sicher sein koennen - viele  
zahlenden Mitglieder der Arischen Bruderschaft in Blau, der FOP.

In den letzten Jahren hat vor allem die Polizei von Cincinnati auf einer  
stolzen Tradition des Rassismus aufgebaut, was schliesslich zu einer Klage  
durch die ACLU und einer oertlichen Koalition von Afro-AmerikanerInnen  
fuehrte. Unter den dutzenden rassistischen Vorfaellen, die diese Klage  
ausloesten, ist der vielleicht widerlichste der, bei dem eine schwangere  
Frau mit 2 Kleinkindern und ihrem Ehemann von der Polizei vor den Augen  
ihrer Kinder mit gezogener Waffe in Handschellen gelegt wurde, obwohl die  
Beamten selbst meinten, sie suchten nach 2 Maennern, die ein aehnliches  
Auto fuhr wie die Familie.

Aber anstatt ihr Augenmerk darauf zu richten, die Beamten auszusondern,  
die rassistisch und brutal vorgehen, zieht es die FOP vor, sich auf immens  
wichtige Aufgaben zu konzentrieren wie den Boykott von Filmen, deren  
Schauspieler Mumia Abu-Jamal unterstuetzen. Die vordringlichsten Anliegen  
der Gruppe waren in den letzten Jahren Mumia hingerichtet zu sehen und  
Streikposten gegen Konzerte von Rage Against the Machine zu stellen. Und  
obwohl die FOP Beschwerden wegen rassistischem Vorgehen zurueckweist,  
bestehen sie darauf, dass das Erstellen krimineller Profile noetig ist,  
und dabei ist dann ein Kriterium die Rasse.

Natuerlich gibt es Leute, die meinen, das ist schon so in Ordnung. In  
vielen Chatrooms kann man wuetende Weisse finden, die das Vorgehen der  
Polizei verteidigen und die schwarze Community in Cincinnati in nur  
duerftig kaschierter Weise rassistisch beschimpft.

"Die meisten Polizistenmoeder sind schwarz", schreien einige -- ein  
Argument, das sowohl historisch falsch und irrelevant ist. Selbst wenn es  
wahr waere, wer ausser den groessten Rassisten koennte dies als "Tatsache"  
benutzen, um die Ermordung einer Person zu rechtfertigen, die  
zufaelligerweise dieselbe Hautfarbe hat? Wenn diese Logik der "rationalen"  
Diskriminierung konsequent zuende gedacht wird, dann haben Schwarze viel  
mehr Grund, weisse Polizisten zu toeten, als die weissen Beamten Grund  
haben, Schwarze zu toeten. Schliesslich waren die meisten Beamten, die  
Schwarze getoetet haben, weiss. Aber irgendwie bezweifele ich, dass  
diejenigen, die mit statistischen Mitteln ungleiche Behandlung  
rechtfertigen wollen, grosses Verstaendnis fuer die Statistik aufbringen,  
auf die ich hier anspiele.

Andere sagen "Die Polizisten setzen jeden Tag ihr Leben aufs Spiel, und  
wir sollten da kein grosses Getue drum machen, wenn sie toedliche Gewalt  
anwenden muessen." Aber bei Polizisten ist die Wahrscheinlichkeit, bei der  
Arbeit zu sterben, nur halb so hoch wie bei Bauern, Fischern, LKW-Fahrern,  
Bauarbeitern oder Bergleuten. Und es ist weitaus weniger wahrscheinlich,  
dass sie getoetet werden, weil sie Polizisten sind als das Schwarze  
getoetet werden, weil sie eben schwarz sind. Ob durch Polizeigewalt  
direkt, oder durch unzureichende Gesundheitsversorgung, der Ueberschuss an  
Toten bei Afro-AmerikanerInnen ist weitaus hoeher als bei de Polizei.  
Trotzdem gibt es nicht viele, die mitleidig sagen wuerden, dass Schwarze  
taeglich ihr Leben aufs Spiel setzen, um in diesem Land zu leben.

"Wir Weissen fangen ja nicht auch gleich mit Ausschreitungen an, wenn uns  
was Schlimmes passiert", toent ein Mantra von anderen, gefolgt von dem  
vorhersehbaren Kommentar "Und was fuer Tiere die Schwarzen sind - sie  
brennen ihre eigenen Viertel nieder!" Schon richtig, Weisse fangen keine  
Ausschreitungen wegen Polizeibrutalitaet an, zumeist weil sie ja auch  
nicht sehr haeufig deren Opfer werden, aber auch, weil wir viel zu sehr  
damit beschaeftigt sind, wegen anderer Dinge Riots zu machen: wie das  
Ergebnis bei irgendwelchen Sportveranstaltungen, oder wegen Massnahmen  
gegen den Alkoholkonsum von Minderjaehrigen. Jau, an mehr als 20  
Universitaeten ist es seit 1995 zu Ausschreitungen gekommen, bei denen  
weisse Studenten in ihren Vierteln auf die Strasse gingen und dort  
randalierten: Moebel und Autos verbrannten, die Polizei mit Flaschen und  
Steinen bewarfen, Scheiben von Laeden einschmissen. 1500 an der  
Universitaet von Colorado, 1500 an der Penn State, 500 an der Uni New  
Hampshire, 300 an der Uni Oregon und 1999 ueber 10.000 an der Michigan  
State Uni.

Aber wenn es weisse Riots sind (von Woodstock 99 will ich gar nicht  
anfangen), dann nennen wir sie eben nicht "Terroristen", die Bullen  
schiessen nicht auf sie mit Gummigeschossen oder bespruehen sie auf  
kuerzeste Distanz mit Gas. Obwohl es nach den Ausschreitungen in Michigan  
vor 2 Jahren viele Festnahmen und ein paar harte Gerichtsurteile gab, war  
die Berichterstattung eher sympathisch, die Medien fragten "warum gute  
Kids so was Schlimmes getan?" und geschrieben, wie einige harmlose Kids da  
einfach reingerieten. Verdammt, bei diesem Riot haben einige der Studenten  
versucht, aus einem Polizeiauto ein geladenes Gewehr zu stehlen (bevor sie  
das Auto in die bereits brennenden Wagen schoben) --- was zum 16. Toten  
fuehren wuerde, wenn das ein Schwarzer in Cincinnati versuchen wuerde.  
Aber in East Lansing wurde nur mal kurz etwas Traenengas verteilt, um die  
Menge aufzuloesen.

Was am meisten sagt ist, dass nach den zwei groessten College Riots in  
Colorado und Michigan Polizei und Einwohner auf die Studenten zugingen und  
versuchten, "ihre Frustration zu verstehen". Beamte aus Boulder meldeten,  
dass die Riots dazu gefuehrt haetten, dass die Polizei ein besseres  
Verhaeltnis zu den Studenten aufbauen will und in East Lansing haben die  
Einwohner eine Kampagne auf die Beine gestellt, bei denen sie ganze  
Belegschaften von Studentenwohnheimfluren "adoptieren", sie zu  
Grillparties einladen und die Kids wissen lassen, "dass wir sie gern in  
der Gemeinde haben", wie ein Nachbar sagte. Ich fress meine Tastatur, wenn  
sowas in Cincinnati passiert.

Schliesslich gibt es in Cincinnati mehr als genug Platz fuer Klan-Kreuze  
in oeffentlichen Parks, fuer rassistische Besitzer von Baseballteams wie  
Marge Schott, und fuer Hardliner wie Keith Fangman und die FOP, aber  
Buergerkommissionen wegen des Vorgehens der Polizei, Verantwortliche fuer  
Polizeigewalt zur Rechenschaft ziehen, oder den institutionalisierten  
Rassismus auf hoechster Ebene anzugehen - dafuer ist in Cincinnati kein  
Platz. Es ist an den Leuten, die auf die Strasse gehen, das zu aendern.


Tim Wise ist Autor aus Nashville, Dozent und Aktivist gegen Rassismus. Er  
kann kontaktiert werden unter: tjwise@mindspring.com. Dieser Artikel wurde  
schon im Z Magazine veroeffentlicht.

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Uebersetzung: FdA Hamburg


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